ExRotaprint das Baudenkmal


ExRotaprint ist vor allem bekannt für seine aus den 50er Jahren stammenden Erweiterungsbauten. Nach dem zweiten Weltkrieg war ein Großteil des damaligen Rotaprint-Standortes zerstört, nur einzelne gründerzeitliche Gebäude im Hofinneren konnten erhalten werden. Die in den frühen 50er Jahren rasch wieder ansteigende Produktivität erforderte bald neue Produktionsräume, und der sich einstellende wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es, das Ensemble bis zum Ende des Jahrzehnts durch repräsentative Gebäude zu ergänzen. Rotaprint engagierte den jungen Architekten Klaus Kirsten und präsentierte sich mit seiner Architektur als moderner und fortschrittlicher Wirtschaftsbetrieb.

Das architektonische Ensemble aus Gründerzeitarchitektur und 50er-Jahre-Neubauten ist ein einzigartiges Beispiel für "... die lange Tradition der Berliner Industriekultur, in der die Formengebung der Gebäude als wichtige künstlerische Gestaltungsaufgabe wahrgenommen wurde." (Zitat von Landeskonservator Prof. Helmut Engel 1991) Die Formensprache der Moderne geht eine Symbiose mit dem Altbestand ein und fügt sich parasitär in Bestehendes ein.

1951 werden Flachbauten anstelle der zerstörten Vorderhäuser an der Gottschedstrasse errichtet. Sie enthalten in ihrer Substanz noch Reste der Vorkriegsbebauung, so wie es auch die Eingangssituation aus eckigen Stützen und einem schmalen Sturz vermuten läßt.

In den folgenden Jahren geht Rotaprint daran, dem gesamten Standort durch gestalterisch anspruchsvolle Neubauten eine moderne Identität zu geben.

1956 wird der Querriegel im Hof Gottschedstr. 4 im alten Volumen wiederhergestellt. Es entsteht das gläserne "technische Büro" von Klaus Kirsten. Hier war die Konstruktionsabteilung untergebracht. Von zwei Seiten belichtet arbeiteten die Ingeniuere an Stehpulten und fertigten Konstruktionszeichnungen.

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1956, Technisches Büro (Foto: Wisch)

1957-58 entsteht ein Verwaltungsgebäude mit Monatagehalle in der Wiesenstr. 29 von Otto Block. (heute Wiesenstr. 29 eG)

Zur selben Zeit entwirft Klaus Kirsten einen neuen Komplex an der Ecke Gottschedstrasse / Bornemannstrasse. 1957-59 entsteht hier ein auffälliger mit Ausschachtelungen versehener Kopfbau, der unvollendet bleibt. Der Kopfbau hat schräg gegeneinander versetzte Betonkuben mit geschlossenen Flächen und asymmetrisch gesetzten verschiedenformatigen Fenstern. Der verglaste Erker im vierten Stock nimmt das Motiv der Beobachtungskanzel in großen Produktionshallen auf. Daran schließt ein fünfgeschossiges Bürogebäude mit Rasterfassade an, das an ein vorhandenes Hinterhaus angebaut wurde. Vorgelagert ist eine eingeschossige Montagehalle und ein zweigeschossiger, gläserner Treppenaufgang.


1958, Eckturm (Foto von 2009)

1958-59 baut Klaus Kirsten auf dem Grundstück Reinickendorfer Str. 44/45 ein fünfgeschossiges Werkstättengebäude, das sich hinten an die ebenso hohe Brandmauer der Hofbebauung und seitlich an einen vorhandenen Flachbau anlehnt. Auffallend sind die rechteckigen Betonkuben, die übereinander gestapelt und ineinander geschoben sind. Die Fronten der "Raumschachteln" sind verglast. Alle Neubauten sind in Stahlbeton ausgeführt.

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1958-59, Tischlerei- und Lehrwerkstättengebäude (Foto: Kirsten & Nather)

Um den Altbestand mit den Neubauten optisch zu verbinden, wurden alle Ziegelbauten verputzt und weiß gestrichen, was "die großzügige Atmosphäre um einen mediterranen Zug bereichert." (Zitat von Landeskonservator Prof. Dr. Helmut Engel, 1991)

Bei aller Begeisterung für den großen architektonischen Entwurf dürfen bei Rotaprint die baulichen Details und Designanfertigungen nicht unerwähnt bleiben, die der Architektur eine filigrane und feine aber auch sehr individuelle, fast liebevolle Anmutung geben. Besonders auffällig sind z.B. die schmalschenkeligen Fensterprofile und mittelachsig gelagerte Drehscharniere, Treppenläufe, Mosaik und gläserne Raumteiler. Erwähnenswert sind auch die baulichen Veränderungen an der Altbausubstanz, um dem Ensemble eine Einheit zu verleihen. Dies sind u.a. die schmalschenkeligen Holzfenster, aus denen Sprossen entfernt wurden, um größere Glasflächen zu ermöglichen, die aufgesetzten Gesimse an den Flachbauten, sowie der weiße Putz.


Vollendet unvollendet

Das uns vorliegenden Archivmaterial enthält Entwürfe, die nicht ausgeführt wurden. Teilweise sind sie als Vorentwürfe zu werten, teilweise wurden sie begonnen und aus unbekannten Gründen nicht vollendet. Die Entwurfsplanung für den vorderen Betonturm an der Ecke Gottschedstr. / Bornemannstr.  zeigt das Gebäude siebengeschossig und mit vermutlich veputzter Fassade (Abb. 1). Im heutigen Bestand ist das Gebaude fünfgeschossig und mit belassener, schalungsrauer Betonoberfläche erhalten. Im fünften Geschoss ist ein Treppenhaus zur weiteren Erschliessung der geplanten oberen Stockwerke angelegt. Weitere Indizien für das Unfertige sind die Lücken zwischen Fensterrahmen und Fassade sowie die Sauerkrautplatten an überhängenden Bauteilen ohne Überdeckung.

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(Abb. 1) Originalplan des vorderen Eckturms

Die Entwurfsplanung des hinteren, zur Reinickendorfer Str. 44/45 gerichteten Betonturms, weist die jetzige Bauausführung lediglich als ersten Bauabschnitt aus (Abb. 2). Geplant war eine Erweiterung der Glas-Stahl-Fassade entlang der Brandwand des rückwärtig gelegenen Seitenflügels. Die linke Gebäudekante des Betonturms hat keinen wirklichen Abschluss. Die Wand wird von einer, mit Ziegelsteinen ausgemauerten Stütze gebildet. So kann der Baukörper leicht nacht links erweitert werden.

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